Gattungshierarchie: Die Gattungen der Malerei

Ein Beitrag zu den Basics der Kunstgeschichte: Die Gattungen! Wie ihr vielleicht wisst, unterscheidet man in der Kunstgeschichte drei Hauptgattungen nach Leon Battista Alberti: Die Malerei, Architektur und Plastik. Die Hauptgattungen können weiter aufgeteilt werden. Dieser Beitrag handelt von der Gattungshierarchie der Malerei, welche 1648 von der französischen Académie royale de peinture et de sculpture aufgestellt wurde.

Gattungshierarchie der Malerei

Verändert nach: Jacob Isaakszoon van Ruisdael: Die Mühle von Wijk bij Duurstede, ca. 1670. Öl auf Leinwand, 83 x 101cm. Rijksmuseum, Amsterdam. (Quelle: Wikimedia Commons| Public Domain)

 

In der Gattungshierarchie der Malerei gibt es fünf Kategorien:

1. Historie
2. Porträt
3. Genre
4. Landschaft
5. Stillleben

Die Historienmalerei ist die höchste Malerei, das Stillleben hingegen die niedrigste. Im folgenden möchte ich darauf eingehen, was genau diese Gattungen bedeuten, warum sie sich in ihrer „Wertigkeit“ zu unterscheiden scheinen und welche Geschichte sie hinter sich haben.

Gründe für die Hierarchisierung

Im Grunde ist die Aufteilung ganz leicht. Es wird von dem Belebten hin zum Unbelebten gewertet, daran lasse sich wohl das künstlerische Können ableiten. Die Historie beinhaltet meist mehrere lebendige Menschen, oft in einer Landschaft oder einem durchgestalteten Raum dargestellt. Somit vereint sie beispielsweise das Portrait (sprich die Darstellung einzelner Personen) als auch die Landschaftsmalerei. Das Stilleben hingegen zeigt nur tote, leblose Gegenstände. Weitere Gründe könnt ihr weiter unten bei der jeweiligen Gattung nachlesen!

1. Die Historie

Die Historie umfasst Darstellungen narrativer Ereignisse, sowohl weltlicher Themen – wie Schlachten und Abkommen – als auch relogiöse Szenen, beispielsweise aus der Bibel oder der Mythologie. In diesen Bildinhalten zeigt sich auch schon die „Überlegenheit“ der Historie gegenüber den anderen Gattungen. Was könnte höher stehen als eine glorreiche Schlacht der Vorfahren oder die Taufe Christi? Desweiteren muss der Maler ein Gelehrter sein, ein sogenanter Pictor Doctus, um die Quellen für seine Gemälde lesen und interpretieren zu können. Zudem vereint die Historie mehrere Gattungen in sich, zum Beispiel das Portrait und die Landschaft. Die Historie umfasst auch das sogenannte Programmbild, ein Bild in dem ein historisches Ereignis um des Themas Willen dargestellt wird, beispielsweise zu Propagandazwecken um den Patriotismus des Betrachters zu wecken.

Gattungen der Malerei Jacques-Louis David Der Schwur der Horatier

Jacques-Louis David: Der Schwur der Horatier, 1784. Öl auf Leinwand, 330 x 425cm. (Quelle: Wikimedia Commons| Public Domain)

Gattungen der Malerei Eugène Delacroix Die Freiheit führt das Volk

Eugène Delacroix: Die Freiheit führt das Volk, 1830. Öl auf Leinwand 260 × 325 cm. Musée du Louvre, Paris. (Quelle: Wikimedia Commons| Public Domain)

Gattungen der Malerei Peter Paul Rubens Der Sturz des Phaethon

Peter Paul Rubens : Der Sturz des Phaethon, 1604-1605. Öl auf Leinwand, 98,4 × 131,2 cm. National Gallery of Art, Washington D.C. (Quelle: Wikimedia Commons| Public Domain)

2. Das Porträt/ Das Konterfei

In der zweithöchsten Gattung, dem Portät (oder auch Konterfei genannt) wird der konkrete Mensch mit seinen individuellen Aussehen und seinen Attributen wie sozialer Stand, Beruf und Umfeld wiedergegeben. Das Porträt wie wir es heute kennen, ist eine Entwicklung des Trecento (14. Jahrhundert in Italien). Porträtdarstellungen gab es schon vor der Antike, seit dem 14. Jahrhundert jedoch bekommen die Darstellungen einen tatsächlich individuellen Charakter. Es werden also nicht mehr schematisierte Personen dargestellt sondern wiedererkennbare Menschen. Häufig waren neben den individualisierten oder individuellen Gesichtern die weiteren Attribute weiterhin stilisiert. Es gibt viele Arten von Porträts, unter anderen kann man unterscheiden zwischen:

Ansicht: Vorderansicht (en face), Profil, Viertelprofil, Halbprofil etc.
Ausschnitt: Gazfigur, Kniestück, Hüftbild, Halbfigur, Brustbild, Schulterstück
Typ: Einzel-, Doppel- und Gruppenbildnis
Inhalt: Dedikationsbild, Stifterbildnis, Autorenbildnis, Künstlerporträt, Selbstporträt, Reiterbildnis, Staatsporträt etc.

Gattungen der Malerei Gustave Courbet Der Verzweifelte Selbstporträt

Gustave Courbet: Der Verzweifelte/ Selbstporträt, 1843. Öl auf Leindwand. Privatsammlung. (Quelle: Wikimedia Commons| Public Domain)

Gattungen der Malerei Jacques Louis David Bonaparte beim Überschreiten der Alpen

Jacques-Louis David: Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard, 1801/1803. Öl auf Leinwand, 275 × 232 cm. Österreichische Galerie Belvedere, Wien. (Quelle: Wikimedia Commons| Public Domain)

Gattungen der Malerei Rembrandt The Anatomy Lesson

Rembrandt Harmenszoon van Rijn: Die Anatomiestunde des Dr. Tulp, 1632. Öl auf Leinwand, 169,5 x 216,5 cm. Mauritshuis, Den Haag. (Quelle: Wikimedia Commons| Public Domain)

3. Die Genremalerei

In der Genremalerei werden alltägliche Themen, vor allem des damaligen mittleren und niederen Standes abgebildet. Bauern bei der Arbeit oder Mädchen beim Lesen und Stricken, Herrschaften in Lokalen oder Familienrunden. Dem Ganzen wohnt gerne eine Prise Sozialkritik bei. Die Genremalerei ist wenig gestellt, sprich sie hat den Anschein nach Authentizität, sowohl in ihren alltäglichen Themen als auch dem belebten Aufbau. Oftmals werden kleine Szenen, ähnlich Momentaufnahmen wie beispielsweise Gasthaus-, Ernte- und Hochzeitsszenen dargestellt.
Als mittlere Gattung gilt sie, weil Menschen und Personengruppen abgebildet werden, was hohes Können des Malers verlangt. Da aber (vorsichtig formuliert..) weniger wichtige Szenen abgebildet werden, bis hin zu eher unsittlichem Verhalten, kann diese Gattung zur zeit der Einteilung der Gattungen nicht als allzu hoch gesehen werden.

Gattungen der Malerei Carl Spitzweg Der verbotene Weg

Carl Spitzweg: Der verbotene Weg (Jesuitenpater in der Landschaft), um 1840. Öl auf Leinwand. 38,2 x 31,3cm. Privatbesitz. (Quelle: Wikimedia Commons| Public Domain)

John_Lewis_Krimmel_-_Blind_Man's_Buff_(1814)

John Lewis Krimmel: Blind Man’s Buff, 1814. Öl auf Leinwand, 42,2 x 56cm. Terra Museum of American Art (Quelle: Wikimedia Commons| Public Domain)

Gustave_Courbet_018

Gustave Courbet: Die Steinklopfer, 1849. Öl auf Leinwand, 165 x 257cm. Galerie Neue Meister, Dresden. (Quelle: Wikimedia Commons| Public Domain)

4. Die Landschaftsmalerei

Die Inhalte der Landschaftsmalerei sind schnell erklärt: Wälder, Wiesen, Flüsse, Seen, Tag, Nacht, Sonne, Regen… Zunächst war die Landschaft Hintergrund einer Szene, beispielsweise in einer Historie, um 1520 enstanden allerdings autonome Landschaftsdarstellungen, als erste gilt Albrecht Altdorfers Donaulandschaft von 1522. Auch in der autonomen Landschaftsmalerei können Personen oder Tiere dargestellt werden. Diese sind dann aber sogenannte Staffagefiguren, wleche die Natur beleben und unter anderem auch Größenverhältnisse anzeigen.
Bei der Entwicklung der Landschaftsmalerei darf die Weltlandschaft nicht unerwähnt bleiben. In ihr vereinen sich beispielsweise Berge, Flüsse, Meere und Wälder zu einer Universallandschaft in der die zunächst abgebildeten biblischen und mythologischen Elemente allmählich verschwinden. Ein berühmter Maler der Weltlandschaften im 16. jahrhundert ist Joachim Patinir. Eine weitere Unterkategorie ist die Stimmungslandschaft, deren Höhepunkt in der Romantik liegt. In ihr wird die Landschaft als Abbild der Gefühle verstanden und durch Wetter und Tageszeiten modelliert.

Altdorfer-Donau

Albrecht Altdorfer: Donaulandschaft mit Schloss Wörth, 1522. 12,4 x 17,4cm. Alte Pinakothek, München. (Quelle: Wikimedia Commons| Public Domain)

Gattungen der Malerei Caspar David Friedrich Tageszeitenzyklus

Caspar David Friedrich: Tageszyklus: Der Abend, 1821-1822. Öl auf Leinwand, 22 × 30,5 cm. Niedersächsisches Landesmuseum Hannover, Hannover. (Quelle: Wikimedia Commons| Public Domain)

Gattungen der Malerei Ruisdael The windmill at Wijk bij Duurstede

Jacob Isaakszoon van Ruisdael: Die Mühle von Wijk bij Duurstede, ca. 1670. Öl auf Leinwand, 83 x 101cm. Rijksmuseum, Amsterdam. (Quelle: Wikimedia Commons| Public Domain)

5. Das Stilleben/ nature morte

Last but not least: die fünfte und letzte Gattung, das Stillleben oder auch nature morte genannt. Dargestellt werden unbewegte Gegenstände in künstlicher Komposition z.B. drapiert auf einem Tisch. Erst seit ewta 1600 gilt das Stilleben als autonome Gattung, besonders beliebt ist es zunächst in den Niederlanden. Besonders beliebt bei Stilleben ist das Vantiasmotiv (vanitas= lat. leerer Schein, Nichtigkeit). Durch Symbole des Todes und der Zeit, wie Sanduhren, Schädel, Reich- und Besitztümer, wird das Vergängliche thematisiert.
Es gibt aber noch allerlei andere Themen und Kategorien des Stillebens: Waffen- und Jagdstilleben, Musik- und Maskenstilleben, Blumenstilleben usw.

Gattungen der Malerei Claesz Tafel mit Hummer

Pieter Claesz: Tafel mit Hummer, Silberkanne, großem Berkemeyer, Früchteschale, Violine und Büchern, 1641. Öl auf Leinwand, 64 x 85,6 cm. Privatsammlung. (Quelle: Wikimedia Commons| Public Domain)

Gattungen der Malerei Van Gogh Quitten

Vincent van Gogh: Quitten, Zitronen, Birnen und Trauben, 1887-1888. Öl auf Leinwand, 48,5 x 65 cm. Van Gogh Museum, Amsterdam. (Quelle: Wikimedia Commons| Public Domain)


Übergangsformen und Inversion

Wie überall sind auch bei den Gattungen manchmal keine klaren Grenzen erkennbar. Manche Bilder können schwerer zugeordnet werden als andere. So zeigt ein sogenanntes Schützenstück eine Gruppe von Personen, meist eine Schützengilde. Die Szenerie wäre der Genremalerei zuzuordnen, andererseits handelt es sich hier um ein Gruppenporträt. Auch bei dem unter Porträts aufgeführtem Beispiel Jacques-Louis David stellt sich die Frage, ob es sich um ein Reiterporträt/Herrschaftsportät oder um eine Historie handelt, da die eindeutig identifiziertbare Person in einen bestimmten historischen Kontekt gebettet ist.

Eine Besonderheit der Gattungshierarchie ist die Inversion, in ihr wird versucht mit der bestehenden Einteilung zu brechen, in dem sie umgedreht wird.


So, das war auch schon der mehr oder weniger kleine Überblick über die Gattungshierarchie der Malerei von 1648. Ich hoffe ihr hattet Spaß beim Lesen und seht nun die Einteilung etwas klarer… Bis zum nächsten Mal!

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